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Walther von der Vogelweide und das Waldviertel

Ins Hochmittelalter versetzte die 59. Hollabrunner Vorlesung am erzbischöflichen Gymnasium am 22. Jänner.

Den Auftakt bildete Walthers berühmtes Lied „Unter der Linde“, eine Liebesbegegnung aus der Sicht einer Frau, zur Überraschung des Publikums live dargeboten von Michael Lehner (Oro Pax), gekleidet als Walther von der Vogelweide. Er begleitete sich dabei selbst auf einer von ihm nachgebauten Drehleier.

„Superstar des Mittelalters“

Mag. Robert Berger, bis 2025 AHS-Lehrer am BG/BRG und EBGym, stellte nach der Skizzierung des Zeithintergrundes in seinem Referat zunächst in Grundzügen Walthers Werk, seine Minnelyrik und Sangspruchdichtung, vor. Dabei arbeitete er heraus, dass der „Superstar des Mittelalters“ korrekterweise nicht bloß der berühmteste Dichter vor Goethe war, sondern vielmehr als Berufsmusiker, als Singer-Songwriter zu sehen ist.

Beobachter, Seher und Prophet

Berger zeigte, wie Walther in seiner Minnedichtung über das Wesen der Liebe nachdachte, welche Innovationen er einführte und dass er – für seine Zeit geradezu utopisch – das Ideal einer auf Gleichberechtigung basierenden Beziehung zwischen Mann und Frau entwarf.

In seiner Sangspruchdichtung, etwa dem „Ich saz ûf eime steine“, zeige sich Walther als „Beobachter, Seher und Prophet“, der über die Welt und das Leben nachdenkt. Mit seinen Antworten auf ethisch-moralische Fragen, etwa „wie kann man Ehre und Besitz erlangen und trotzdem ein ehrlicher Mensch bleiben?“, sei Walther bis heute hochaktuell.

„In Österreich lernte ich Sprechen und Dichten“
Zur vieldiskutierten Frage, wo die Heimat Walthers zu suchen ist, referierte Berger die „atemberaubende Indizienkette“, die den Wüstungsforscher Walter Klomfar (1931-2015) zu folgender Theorie führte: Walther wuchs in dem längst nicht mehr existenten Dorf Walthers zwischen Allentsteig und Zwettl auf, sein Vater war der Ortsgründer und erste Falknermeister der unmittelbar an das Dorf angrenzenden Vogelweide – diese Kombination sei singulär. Walther genoss die in seinem Werk erkennbare Ausbildung u.a. in Latein im nahen Stift Zwettl, wo ein „Bruder Walther“ in den Urkunden aufscheint. Wolfger von Erla, der Bischof der Diözese Passau, zu der Österreich lange gehörte, war mehrmals im Stift Zwettl zu Gast – und er war ein Liebhaber der Beizjagd, also der Falkenjagd, die auf einer Vogelweide trainiert wurde. Vermutlich hat er Walthers Talent erkannt und ihm, zunächst als Schreiber im „Zwettl Hof“ gleich hinter dem heutigen Stephansdom, den Weg an den Wiener Hof geebnet.

Das einzige urkundliche Lebenszeugnis

Diesem Bischof, in dessen Umfeld auch das Nibelungenlied entstand, verdanken wir das einzige außerliterarische, urkundliche Lebenszeugnis zu Walther: am 12. November 1203 notierte er, dass er „Walther, dem Sänger von der Vogelweide“ in Zeiselmauer bei Tulln Geld im Wert von etwa 330g Silber für einen Pelzmantel gegeben hatte. Ein solch wertvolles Geschenk sei Zeichen großer Wertschätzung – und vielleicht auch Ausdruck einer rund 20 Jahre andauernden persönlichen Verbundenheit zwischen dem Bischof und Walther von er Vogelweide, so Mag. Berger.

90% Wahrscheinlichkeit

Univ.-Prof. em. Helmut Birkhan, lange Jahre Vorstand des Instituts für Germanistik an der Universität Wien, schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass Walter Klomfars Theorie korrekt ist, mittlerweile auf 90%.

Nach der Vorlesung wurden die zahlreichen Besucher:innen von Karl Riepl mit einem köstlichen Eintopf in die mittelalterliche Küche entführt und Michael Lehner demonstrierte seine fünf mitgebrachten mittelalterlichen Instrumente.

Fotos: Alex Seidl, MEd, Dr. Manfred Greisinger, Clara und Clemens Berger

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